Riehen

Fürfelderstrasse 100

4125 Riehen

+41 79 598 46 94

Routenplaner

Gottesdienste
Sonntag 9.30 Uhr
Mittwoch 20.00 Uhr

«Das Allerheiligste ist zentral»

24.01.2025

Wie kann die Gemeinschaft in der neuapostolischen Kirche noch stärker wachsen und wie kommt das Interesse bei der Jugend zurück? Bischof Weidmann lässt im Interview seine ersten Monate in seiner neuen Funktion Revue passieren und spricht über Chancen und Herausforderungen der heutigen Zeit.

Das Jahresmotto 2024 der Kirche lautete «Beten wirkt». Wo hat Ihnen das Gebet geholfen?

Andre Weidmann (AW): Immer wieder, jeden Tag. Ob in der Fürbitte, ganz persönlich, oder in der Vorbereitung auf den Gottesdienst. Das Bedürfnis zu danken, eine ständige Erfahrung, eine ständige Wirksamkeit. Die Erfahrung ist nicht immer gleich intensiv. Aber im Gebet kann ich mich immer wieder mit Gott verbinden.

Aber auch gemeinsam zu Gott beten, das wirkt und daran glaube ich und das spüre ich auch.

Sie sind ein Jahr im Amt. Wie haben Sie die letzten 12 Monate als Bischof erlebt?

Sehr, sehr schön. Ich bin allen Glaubensgeschwistern und Vorangängern dankbar für die herzliche Aufnahme. Als Bischof besuche ich Kirchgemeinden, in denen ich zuvor noch nie war. Obwohl ich die Glaubensgeschwister vielerorts nicht kannte, wurde ich herzlich aufgenommen. Das hat mir den Einstieg in mein Amt sehr schön und leicht gemacht. Ich geniesse die Gemeinschaft in den verschiedenen Gemeinden.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis – und was war die grösste Herausforderung?

Ich habe viele schöne Erlebnisse gehabt, es fällt mir schwer, ein Erlebnis herauszugreifen. Besonders schön finde ich die Gemeinschaft mit den Glaubensgeschwistern und die wachsende Verbundenheit mit ihnen. Natürlich dauert es jetzt im Bischofsamt etwas länger, bis ich alle kenne, aber ich konnte in diesem Jahr schon viele schöne Erlebnisse mit den Geschwistern teilen.

Die grösste Herausforderung ist eindeutig die Zeit. Der Spagat zwischen Ehrenamt und Vollzeitjob ist vor allem untere der Woche anspruchsvoll. Aber der liebe Gott hat es bisher immer möglich gemacht, dass ich rechtzeitig zu einem Gottesdienst oder einem kirchlichen Termin da sein konnte.

Was sind Ihre Hauptziele und Visionen für die Zukunft?

Ich möchte für die Geschwister da sein, gemeinsam den Glauben erleben, gemeinsam im Glauben wachsen. Die grosse Vision ist, miteinander das Ziel «Die Wiederkunft Christi» zu erreichen. Auf dem Weg zu diesem Ziel dürfen wir wunderbare Erlebnisse mit Gott machen – wir müssen aber auch immer wieder die richtigen Entscheidungen fällen.

Gerade bei jungen Menschen verliert die Kirche immer mehr an Bedeutung. Wie planen Sie, die Kirche für junge Menschen attraktiver zu gestalten und deren aktive Teilnahme zu fördern? Vielleicht mit neuen Kanälen wie TikTok?

Was spricht die Jugend heute an? Und was spricht die heutige Jugend in fünf Jahren an? Das sind schwierige Fragen. Im Alter zwischen 15 und 30 Jahren macht jeder Mensch eine grosse Entwicklung durch. Meiner Meinung nach ist es nicht möglich, alle verschiedenen Medienkanäle zu bewirtschaften und damit auch alle zu erreichen. Dies würde auch die verfügbaren Ressourcen überstrapazieren. Es braucht ein gut durchdachtes Konzept. Es geht darum, den Glauben zu entwickeln und eine Beziehung zu Jesus aufzubauen. Das kann man dort tun, wo man Gott spürt. Wichtig ist, dass die Kirche die Balance findet. Aber das sind grosse Fragen. Die Kirche muss schauen, wie sich die Gesellschaft entwickelt. Ich glaube, dass die Jugend im Jahr 2034 andere Interessen haben wird als die Jugend im Jahr 2024. Und das ist eine Herausforderung für alle. Deshalb ist es so wichtig, sich auf das Allerheiligste zu beziehen, denn das ändert sich nicht. Die Jugend ist ein ganz wichtiges Thema. Und wir als Kirche wollen, dass sich die Jugend, aber auch alle anderen Generationen, in der neuapostolischen Kirche wohlfühlen.

Wie kann die Gemeinschaft innerhalb der Kirchengemeinde weiter wachsen?

Mir ist es sehr wichtig, ein gutes Vorbild zu sein. Ich versuche in den Gemeinden, Gemeinschaft zu pflegen und zu erleben. Für mich persönlich ist das sehr wertvoll. Aber ich denke, jeder sollte sich auch selbst fragen, was sein Beitrag für die Gemeinschaft ist. Das ist für jeden sehr individuell. Wir alle sind die Gemeinschaft und das in den unterschiedlichsten Situationen. Wir sollten uns immer wieder vornehmen, unseren Beitrag zu leisten, aber auch zu reflektieren, bringe ich meinen Beitrag ein und ist dieser Beitrag von Jesus geprägt? Ich glaube, das ist wichtig.

Wie können Mitglieder aller Generationen aktiv in die Gemeindearbeit eingebunden werden?

Wenn man seinen Beitrag in der Gemeinschaft sieht, hoffe ich immer, dass man selbst erkennt, wo noch Bedarf ist, wo meine Gaben und Fähigkeiten sind, die ich einbringen kann. Das machen ja ganz viele Geschwister in allen Generationen. Ich freue mich immer besonders, wenn ich sehe, wie sich auch Kinder einbringen. Die Beteiligung aller zu ermöglichen, das finde ich ganz wichtig über alle Generationen hinweg. Es ist auch eine Aufgabe des Gemeindevorstehers, die Brüder und Schwestern zu motivieren, sich einzubringen. Wir stellen fest, dass es erfolgreicher ist, wenn es eine Aufgabe mit einem Enddatum ist. Je nach Generation sind manche Glaubensgeschwister nicht mehr bereit zu sagen, ich bin nun für immer im Chor. Ein Projektchor mit festem Anfang und festem Ende ist dagegen erfolgreicher. Natürlich wäre es auch schön, wenn der Zuspruch auch bei unbefristeten Projekten gross wäre. Ein Rezept gibt es nicht. Vielleicht ist es auch eine Kombination.

Die Verantwortlichen müssen ebenfalls ansprechen, wenn es irgendwo Ressourcenprobleme gibt und auch Konsequenzen transparent auflisten. Das heisst dann eben, dass bestimmte Projekte in Zukunft nicht mehr stattfinden können, wenn die Ressourcen fehlen. Es funktioniert auch, wenn der Chor nicht singt. Aber es ist natürlich schön, wenn es in einer Gemeinde einen Chor oder zumindest einen Projektchor gibt, der gelegentlich singt. Das ist nicht selbstverständlich und wir müssen dankbar sein für das, was wir hier haben.

Welche theologischen Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?

Die Selbstreflexion ist mir sehr wichtig. Schaffe ich es, wie Jesus zu werden? Ich übe alles, was mir wichtig ist. Vergebungsbereitschaft zum Beispiel; wie gehe ich auf einen Menschen zu. Ich könnte Vieles aufzählen. Ein bewusster Umgang mit den Themen und mit sich selbst ist wichtig. Man sollte auch dankbar sein und erkennen, was gut war, und nicht immer nur das Negative in den Vordergrund stellen. Natürlich in aller Bescheidenheit und Demut.

Wie sah denn Ihr spiritueller Werdegang aus?

Ich bin in eine neuapostolische Familie hineingeboren worden und somit in der neuapostolischen Kirche aufgewachsen. Meinen ganz persönlichen Glauben habe ich dann in verschiedenen Lebensphasen entwickelt. Ich möchte weiter im Glauben wachsen und Jesus ähnlicher werden.

Wie gehen Sie mit unterschiedlichen Interpretationen und Ansichten innerhalb der Kirche um?

Das hängt sehr vom Thema ab. Wenn es Differenzen gibt, muss man alle Seiten anhören und sich ein Bild machen. Es ist wichtig, hinzuschauen und entsprechend zu reagieren. Differenzen kann es immer geben, es ist wichtig, dass man sich findet.

Was sehen Sie als die grössten Herausforderungen für die neuapostolische Kirche in der heutigen Zeit?

Ich würde diese Frage nicht nur auf die neuapostolische Kirche beziehen. Der Glaube hat heute für viele Menschen nicht mehr den Stellenwert wie früher. Das ist die gegenwärtige Entwicklung. Die Kirchen werden in unseren Breitengraden nicht voller, das ist die Realität. Wir können beten, dass sich dieser Trend ändert. Schliesslich hat uns der liebe Gott den freien Willen geschenkt. Ob jemand glaubt oder nicht, ist freiwillig. Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich. Will er glauben, will er ein Glaubensziel verfolgen, will er die Wiederkunft Jesu in den Mittelpunkt stellen? Das ist eine persönliche Entscheidung jedes Einzelnen und das ist auch gut so.

Aber man darf sich auch freuen.

Das Evangelium ist gegeben. Es gibt viele treue Brüder und Schwestern. Wir dürfen es sehr schön haben und miteinander Gottesdienste feiern. An vielen Orten sogar zweimal in der Woche. Das ist nicht überall auf der Welt möglich. Wir können uns glücklich schätzen. Und hoffen und beten, dass Gott bald seinen Sohn sendet.

Welche Chancen sehen Sie für die Kirche in der Schweiz und weltweit?

Der Stammapostel hat es im Gottesdienst in Luzern sehr schön gesagt (sinngemäss): «Das Allerheiligste ist gegeben und das ändert sich nicht». Dieser feste Wert ist wichtig.

Unsere Kirche entwickelt und verändert sich, das ist gut und muss auch geschehen. Ich vertraue darauf, dass das Apostolat die richtigen Entscheidungen trifft. Wir sind viel offener geworden und das ist sehr gut, solange das Allerheiligste bleibt.

In vielen Glaubensgemeinschaften wird auch viel ausprobiert, wie man die Geschwister oder auch gerade die Jugend mehr ansprechen kann. Den einen spricht ein Angebot an, den anderen nicht. Wichtig ist, dass man offen ist und sich Veränderungen nicht verschliesst.

Ich finde, dass wir als Kirche eine sehr schöne Entwicklung erlebt haben. Suchende können bei uns jederzeit in den Gottesdienst kommen.

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit anderen christlichen Konfessionen und Religionsgemeinschaften?

Ich empfinde die Zusammenarbeit als gut. Die neuapostolische Kirche wird immer aktiver in der Ökumene. Ich bin aber nicht in den Arbeitsgruppen dabei. Als ehrenamtlicher Bischof kann ich leider nicht überall dabei sein.

Christophe Domenig wurde im September als Apostel eingesetzt. Was wünschen Sie sich von ihm für eine gute Zusammenarbeit? Was tragen Sie dazu bei?

Ich wünsche mir, dass es so weitergeht, wie wir bisher zusammengearbeitet haben. Wir kennen uns noch nicht so lange, aber bis jetzt funktioniert die Zusammenarbeit wunderbar.

 

Interview: msu